Workshop-Ergebnisse „Partizipation durch Praxisprojekte“

Beim Schule im Aufbruch Tag Niedersachsen stieß der von Das macht Schule gestaltete Workshop auf großes Interesse: Rund 20 Teilnehmer – Lehrkräfte, SchulleiterInnen, Eltern, SchülerInnen und NPO – widmeten sich 1,5 Stunden dem Thema „Partizipation durch Praxisprojekte“.

Nach einer kurzen Begrüßung haben sich die TeilnehmerInnen an vier Tischen zu folgenden Fragestellungen ausgetauscht und sich anschließend gegenseitig die Ergebnisse präsentiert:

 

  • Was sind eigentlich Praxisprojekte?
  • Was bedeutet Partizipation eigentlich wirklich?
  • Was steckt hinter dem Wort Erfahrungslernen?
  • Was macht ein gutes Team aus?

Was sind eigentlich Praxisprojekte?

Dass es bei der Umsetzung von Praxisprojekten nicht mit dem Austeilen von Arbeitsblättern getan ist und auch Unternehmens- oder Börsen-Planspiele keine wirklichen Praxisprojekte sind, darin waren sich alle TeilnehmerInnen einig.

 

Handlungsorientiert und lebenspraktisch

Praxisprojekte finden in der wirklichen Realität statt und sind handlungsorientiert. Es sind also Projekte, bei denen man im physischen, realen Umfeld selbst praktisch und aktiv handelt (also motorische Handlungen nötig sind – Handlung kommt von Hand (oder Fuß).

 

Greifbar und nachhaltigige Ergebnisse

Praxisprojekte hinterlassen immer etwas Bleibendes – einen bleibenden physischen Nutzen (zum Beispiel: Dinge repariert, Essen gekocht, Klassenzimmer renoviert, Bäume gepflanzt, Geld eingenommen, Hardware aufgebaut und Software installiert, etc.).

 

Problemlösung & Kreativität

In Praxisprojekten wird immer etwas durch aktive Handlung geschaffen, die Problemlösungskompetenz und Kreativität vorrausssetzen und fördern. Hier trauen sich SchülerInnen zu, theoretisches Wissen durch physischen Einsatz in praktische Erfahrung umzusetzen. Man lernt sich in realen Situationen selbst zu helfen.

Tisch A, der sich diese Frage bearbeitete ging noch weiter:

 

Praxisprojekte sind ein außenpolitisch aktuelles Thema und müssen ins Schulkonzept aufgenommen werden. Zum Beispiel sollen Thementage nicht nur von Schülern durchgeführt, sondern auch vorbereitet werden.

Was bedeutet Partizipation eigentlich wirklich?

Verschiedene Formen von Teilhabe

Der Begriff der Partizipation (lat. particeps = teilhabend) bezeichnet grundsätzlich verschiedene Formen von aktiver Beteiligung, Teilhabe und Mitbestimmung. Partizipation in der Schule ist die ernst gemeinte, altersgemäße Beteiligung der SchülerInnen im Rahmen ihrer Erziehung und Bildung.

Partizipation

Werte und Gestaltung

Wenn SchülerInnen aktiv an der Gestaltung ihrer Umgebung teilhaben, wenn sie bei Entscheidungen, die sie und ihr Umfeld betreffen, mitreden, mitgestalten und mitbestimmen, dann tragen sie zur Stärkung von demokratischen Strukturen bei. Sie bringen in einem von Wertschätzung geprägten Dialog sich und ihre Ideen, Meinungen Empfindungen und Sichtweisen ein und beeinflussen aktiv die Gestaltung ihres Alltags.

Grenzen und Machtabgabe

SchülerInnen müssen als Gesprächspartner wahr- und ernst genommen werden, ohne dass die Grenzen zwischen Lehrkräften und SchülerInnen verwischt werden. Beteiligung hat auch etwas mit Machtabgabe zu tun. Lehrkräfte verzichten dabei bewusst auf einen Teil ihrer Macht. Dazu gehört natürlich viel Zutrauen in die Schülerschaft und viel Vertrauen auf die eigene Autorität. Auch SchülerInnen müssen erst einmal lernen, mit der neuen Macht, die sie erhalten, umzugehen. Dafür brauchen sie die aktive Unterstützung durch Lehrkräfte.

Was steckt hinter dem Wort Erfahrungslernen?

Am Tisch sitzt auch eine junge Schülerin. Eine der Lehrkräfte fragt sie, aus welchen Erfahrungen sie lernt. „Lernst Du etwas, wenn Du eine schlechte Note bekommst? Motiviert Dich das dann?“ Die Schülerin wirkt nachdenklich und schüttelt dann den Kopf. „Naja, dann weiß ich, dass ich noch mehr lernen muss.“ „Aha.“ sagt der Lehrer, „Du musst, aber was motiviert Dich denn? Welche Erfahrung?“ „Zum Beispiel, wenn ich mit meinem Vater jagen gehe.“ antwortet sie dann.

 

Konfrontation mit der (außerschulischen) Realität

Eine aktive Auseinandersetzung des einzelnen Schülers mit seiner Umwelt nimmt einen hohen Stellenwert für das Lernen ein, denn die individuelle Erfahrung ist Quelle eines jeden Lernprozesses. Die Reflexion, also das intensive Nachdenken über solche im realen Zusammenhang auftretende Problemsituationen führt zu lehrreichen Erfahrungen und somit zur Erweiterung des Wissens einer Person. 

Mit (positiven) Emotionen verknüpftes Handeln

Situationen, deren Bewältigung eine Herausforderung darstellt, sind der Ursprung von Lernprozessen. Lernen geschieht hier über die Auseinandersetzung mit (und Lösung von) realen Problemstellungen. Denn werden die Herausforderungen erfolgreich gemeistert, werden durch das eigene aktive Handeln positive Emotionen hervorgerufen. Die aktive, reflexive Auseinandersetzung mit diesem konkreten Erlebnis und der Emotionen ist Erfahrungslernen.

Ausprobieren und Lernen aus Fehlern (Trial and Error)

Beim aktiven Experimentieren mit dem durch Erfahrung neu erworbenen Wissen erprobt sich der Schüler in realen Situationen. Infolge dieses letzten Schritts im Lernzyklus werden für den Lernenden wieder konkrete Erfahrungen möglich, ein zweiter Durchlauf beginnt.

Lernprozesse können auch dadurch angestoßen werden, dass in einem Team von Schülern praktische Probleme gemeinsam reflektiert werden. Schüler, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen zusammentragen, sind so in der Lage, Probleme zu lösen.

Ergebnisoffene Unterrichtsformen

Anders als etwa beim Frontalunterricht werden die Lerninhalte nicht instruktiv vermittelt, sondern vom Schüler aktiv (re-) konstruiert. Lernen geschieht hier über die Auseinandersetzung mit (und Lösung von) realen Problemstellungen. Entsprechend wandelt sich auch die Rolle der Lehrkraft: Sie instruiert nicht, sondern formuliert und verdeutlicht Problemstellungen, greift im Bedarfsfall unterstützend ein und berät den Schüler. Die Lehrkraft wird zum Lernbegleiter (Coach). Anstatt Wissen zu vermitteln, kommt ihr die Aufgabe zu, Lernkontexte so zu gestalten, dass den Lernenden darin lehrreiche Erfahrungen ermöglicht werden. Ergebnisoffen heißt also, dass die Lehrkraft nicht das konkrete Ergebnis vorgibt, sondern dass das Ergebnis vom Schüler gestaltet wird.

Was macht ein gutes Team aus?

"Ein Team ist eine aktive Gruppe von Menschen, die sich auf gemeinsame Ziele verpflichtet haben, harmonisch zusammenarbeiten, Freude an der Arbeit haben und hervorragende Leistungen erbringen."

Francis und Young

Gemeinsame Vision und Ziele

Ein gutes Team braucht eine gemeinsame Vision, ein gemeinsames Ziel, das jedes Teammitglied als bedeutsam und wichtig erachtet. Denn nur, wenn alle auf dasselbe Ziel hinarbeiten, mit dem sie sich auch identifizieren können, entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Kameradschaft. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, um eine hohe Moral im Team zu etablieren, sowie Freude und Motivation zu fördern. Das gilt neben dem Projektteam, auch für eine Klassen- oder eine Schulgemeinschaft ;-).

Ehrliche, transparente Kommunikation und respektvoller Umgang

In guten Teams gibt es keine Eigenbrötelei. In der Regel werden Entscheidungen gemeinsam getroffen. Wenn das nicht sinnvoll oder möglich ist, werden die Mitglieder des Teams zumindest rechtzeitig darüber informiert. Denn Alleingänge können von den Teammitgliedern als ignorant oder bevormundend wahrgenommen werden, wenn ihnen die Einsicht in die Entscheidungsgrundlagen vorenthalten wird. Im schlimmsten Fall leidet darunter die Motivation des Einzelnen und die Produktivität des Teams. Zur guten Kommunikation und dem respektvollen Umgang zählen natürlich auch Vertrauen, eine gut gelebte Feedback-Kultur sowie die Erkennung, Würdigung und Nutzung der Stärken jedes Einzelnen. Gemeinsame Fähigkeiten, Erfahrungen und Wünsche werden so bestmöglich eingebracht. Zum gegenseitigen Respekt gehören selbstverstänlich auch Basics wie etwa Verlässlichkeit, Pünktlichkeit oder das Einhalten von Deadlines.

Struktur und Klarheit

Natürlich gehört zu einem guten Team auch eine gute Organisation und eine klare, passende Rollenverteilung und Verantwortungsbereiche. Auch die Ziele und  Regeln sollten allen Teamteilnehmern klar sein.

Partizipation durch Praxisprojekte

Alle TeilnehmerInnen des Workshops gaben nun zwei Stimmen ab für die Punkte, die sie für sehr wichtig erachten. Dies brachte uns ein konsolidiertes Gesamtergebnis, wie man durch Praxisprojekte Partizipation von SchülerInnen fördern kann.

Partizipation durch Praxisprojekte wird dann gefördert, wenn die folgenden Aspekte bei der Planung und Durchführung des Praxisprojektes berücksichtigt werden:

  • Ausprobieren & Handeln / Handlungsorientiert
  • Teilhabe
  • Problemlösung & Kreativität
  • Kommunikation
  • Freude an der Aufgabe
  • Konfrontation mit der (außerschulischen) Realität / Lebensrealität
  • Stärken stärken
  • Gestaltung
  • Chancengleichheit
  • Beziehungsstärkung
  • Ergebnisoffen

Partizipation von SchülerInnen kann durch Praxisprojekte also vor allem dann gefördert werden, wenn SchülerInnen bereits ab der Planung teilhaben können und es eine gute, transparente Kommunikation gibt. Bei der Planung sollte berücksichtigt werden, dass sich die SchülerInnen handlungsorientiert, kreativ und gestalterisch in dem Projekt mit einer realistischen Herausforderung beschäftigen, die es in der (ausserschulischen) Lebensrealität genau so gibt. Bei der gemeinsamen Rollenverteilung und in der Durchführung sollte jede und jeder die gleichen Chancen haben und Stärken der SchülerInnen gestärkt werden. Dabei sollte man als Lehrkraft offen dafür sein, wie die einzelnen Ergebnisse und auch das Endergebnis nachher ausfallen - die SchülerInnen einfach mal ausprobieren und handeln lassen.

Erfahrungsbild der Teinehmer

*(Keine Stimme abgegeben: 2)

Mit diesen Kriterien im Hinterkopf: Wie viel Erfahrung haben Sie bereits mit solchen Praxisprojekten?

 

  • Regelmäßig: 5 von 20 TeilnehmerInnen
  • Oft: 2 von 20 TeilnehmerInnen
  • Wenig: 8 von 20 TeilnehmerInnen
  • Keine: 3 von 20 TeilnehmerInnen

Es stellte sich heraus, dass über die Hälfte der WorkshopteilnehmerInnen bisher wenig bis keine Erfahrungen mit solchen Projekten gemacht hatten. Immerhin hatte ein gutes Drittel der TeilnehmerInnen bereits oft bis regelmäßig Projekte durchgeführt.  In der Mitte hat sich eigentlich keiner gesehen. Kann man daraus schließen, dass es auch etwas mit den Vorraussetzungen an den jeweilgen Schulen zu tun hat?

Zukunft durch Praxisprojekte an deiner Schule

Wenn du die Augen schließt und es gäbe einen Zauber:

 

  • Wie sähe dann deine Schule durch Praxisprojekte in zwei Jahren aus? Was ist deine Vision? Worin siehst du Chancen für dich, deine Schule und die Schüler?
  • Und wenn du das vor Augen hast, überlege einmal, was die größte Herausforderung ist, die diese Vision bislang verhindert hat?
  • Und wenn du dir dem bewusst geworden bist, worin läge dann dein größter Unterstützungsbedarf?

VISION & CHANCE

  • Schülergesteuertes Lernen
  • Riechen, Schmecken, Anfassen
  • Schule für alle (Sinnigkeit)
  • Motivation
  • BNE als selbstverständlicher Teil der schulischen Infrastruktur [NPO-BEITRAG]
  • Stärken- ressourcen-, talentorientierter Praxisprojekte
  • Der allgemeine Blick auf die Stärken
  • Erfahrungen sammeln in „fremden“ Bereichen
  • Strukturen aufbrechen

HERAUSFORDERUNG

  • Mut zur Offenheit und neuen Mustern
  • Mut auch zur Lücke
  • Vertrauen in SchülerInnen
  • Ergebnisoffenheit
  • Fehlende Finanzierung und zu viel Ehrenamt [NPO-Beitrag]
  • Desinteresse, generelle Ablehnung, Faulheit, Selbstzweifel, Ahnungslosigkeit [Schüler-Beitrag]
  • Zeit- und Personalknappheit
  • Begrenzte Mittel (Finanzen, Medien)

UNTERSTÜTZUNGSBEDARF

  • Planungshilfe bei der Durchführung eines Projekts
  • Der Plan der Umsetzung
  • Raum im Schulleben schaffen
  • Unterstützung durch andere, bei der Zielsetzung und zur Stärkung des Bewusstseins [Schüler-Beitrag]
  • Einbindung in die Lehrkräfteausbildung
  • Fortbildungen für Lehrkräfte
  • Ideenbörse
  • Fördermöglichkeiten

Resümee

Die Vision einer Schule (für alle)

Endlich Strukturen aufbrechen und SchülerInnen mehr in die Gestaltung des Schulalltags einbeziehen: von stärken- und talentorientierter Praxisprojekte hin bis zum SchülerInnen gesteuerten Lernens. Die SchülerInnen motivieren Dinge in die Hand zu nehmen und lebenspraktische (schulfremde) Bereiche gemeinsam durch sensorische Reize (sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken ) erfahren und daraus lernen zu lassen. NPOs, die kostenlose Unterstützung anbieten, in die Schulentwicklung und den Schulalltag einbeziehen.

Gegenwärtig gefühlte Herausforderungen

Ideen, wie man Kollegen dafür begeistern und mit ins Boot holen kann, damit sie offen sind für neue Muster und mit offenen Ergebnissen umgehen können.
Wie können wir es schaffen mehr finanzielle Mittel zu haben und Ressourcen weniger stark ausgelastet sind, damit Raum ist, um Strukturen aufzubrechen und Praxisprojekte sowie NPOs Bestandteil der Schulentwicklung werden?

Unterstützungsbedarf

Ein Leitfaden für die Umsetzung von einzelnen Praxisprojekten, aber auch für die Zielsetzung von Projekten insgesamt und Einführung einer Praxisprojektkultur an der Schule.
Finanzierungsideen und Förderungen, um Projekte umsetzen zu können.
Ideenbörse für Praxisprojekte schaffen und die Lehrkräfteausbildung so anpassen, dass Praxisprojekte Teil der Schulkultur werden.

In dem Erfahrungsbericht unserer Schulkommunikations-Leitung, Anna, erfährst Du noch mehr zu ihrem persönlichen Erlebnis beim gesamten Schule im Aufbruch Tag.

Anna Broich

Anna Broich

Leitung Schul-Kommunikation

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