Schule: Praktisch ohne Praxis?

Workshopp

Schule soll Wissen und Können vermitteln und aufs Leben vorbereiten. Das braucht Praxis und Praxisbezüge. Jede Schülerin, jeder Schüler, sollte die Chance bekommen, individuelle Verwirklichungschancen wahrzunehmen für eine spätere erfolgreiche Lebensführung und aktive Beteiligung an der Entwicklung der Gesellschaft. Wir brauchen also eine Schule, die Verbindung zur (Lebens-) Praxis herstellt, und Lehrer, die ihren Schülern etwas zutrauen – und damit Teilhabe und Verantwortungsübernahme ermöglichen.

Was die Erziehungs- und Bildungsziele in Bezug auf Werte und Demokratiefähigkeit an Schule angeht, besteht breiter Konsens zwischen Lehrkräften und Eltern. Ich will zusammenfassen, worin dieser meines Erachtens besteht, warum die genannten Ziele zum großen Teil nicht erreicht werden und was jede einzelne Lehrkraft tun kann, um ihre Schule in die gewünschte Richtung weiter zu entwickeln.

Frage 1:

Was kennzeichnet die Schulbildung in Deutschland aktuell?

Die Frage fordert dazu heraus, die Schulbildung in Deutschland mit anderen Ländern zu vergleichen. Wenn man es sich aussuchen könnte, würde man in Deutschland vielleicht gern in den Kindergarten gehen, in Finnland zur Schule und in den USA studieren – immer vorausgesetzt, die internationalen Vergleichswerte stehen wirklich für die versprochene Qualität.

Aber gerade um dieses Vergleichen, um das Konkurrenzdenken, dieses Höher, Weiter, Schneller, sollte es nicht gehen. Erst recht nicht, wenn wir das bestehende Wirtschaftssystem und seine Ethik immer mehr infrage stellen. Immer öfter werden andere Werte genannt. In der Gesellschaft und in der Schule. Längst haben wir begriffen, dass viele Leistungsvergleiche nicht das bringen, was sie uns vorgaukeln. Weder der internationale Vergleich von Ausbildung, noch der Versuch eines notenbasierten Leistungsvergleichs zwischen Schülern. Noten, die vielleicht noch zur Leistungseinstufung eines Schülers innerhalb einer Klassengemeinschaft funktionieren, versagen beim Vergleich zwischen einzelnen Schulen, Städten oder Bundesländern.

Was Lehrer und Eltern für erforderlich halten

Ich halte die Frage für interessanter, was die Gesellschaft – also die Leistungsempfänger vom System Schule – von der deutschen Schulbildung erwarten kann und ob das System diesen Erwartungen gerecht wird. Direkte Leistungsempfänger sind die Schüler, Eltern, indirekt auch Unternehmen und noch indirekter wir alle. Schließlich korrespondieren viele Sozialleistungen mit der Schulbildung. Um es kurz zu machen: Alle sind mit dem System unzufrieden. Unternehmen fordern mehr Praxisnähe, Selbstständigkeit, Sozial- und Handlungskompetenzen sowie die sogenannten 21th Century Skills oder die sogenannten 4 K’s: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.

Lehrkräfte und Eltern fordern mehr Freiräume in der Schule, damit Kinder neben Deutsch und Mathe noch ganz andere Dinge lernen. Sie bemängeln zu starren Unterricht, zu wenig Zeit und wollen, dass Kinder mehr Werte in der Schule lernen sollen. Das belegt eine repräsentative Forsa-Umfrage aus dem November 2018, in der 1111 Eltern schulpflichtiger Kinder und 1185 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen befragt wurden. Diese Studie zu „Werteorientierungen und Werteerziehung von Lehrkräften in Deutschland“ wurde vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben. Der VBE vertritt als Lehrergewerkschaft die Interessen von 164.000 Pädagogen.

Der SPIEGEL schreibt: „Eltern und Lehrer sind sich darin einig, dass in der Schule bereits einige Werte vermittelt werden, allerdings nicht ausreichend. Sie wünschen sich, dass die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, Menschenrechte und soziale Kompetenzen noch mehr erlernt werden können.“

Der VBE befragte Eltern und Lehrer, welche Werte und Fähigkeiten in der Schule unterrichtet werden sollten und inwieweit dies bereits geschieht. Das Ergebnis: Fast alle Eltern und Lehrer waren sich darin einig, dass die Schüler vor allem lernen sollten, eigenverantwortlich zu handeln (96 % der Eltern und 98 % der Lehrer) und sich selbstständig weiterzubilden (94 % der Eltern und der Lehrer). Wichtig ist Eltern und Lehrern auch, dass Kinder soziale Kompetenzen erwerben und in der Schule ihre Persönlichkeit entwickeln können. Weniger wichtig waren Themen wie Heimatverbundenheit oder Leistungsorientierung. Diese sollten in der Schule nicht so viel Raum einnehmen.

Angesichts der Ergebnisse fordert der VBE, dass die in der Studie genannten Bildungs- und Erziehungsziele in den Lehrplan aufgenommen werden. Dafür bräuchten Lehrer mehr Freiraum, sie müssten flexibler in ihren Gestaltungsmöglichkeiten sein. Bislang sind die Unterrichts- und Schulstrukturen noch zu starr und festgefahren. Es sollten demnach mehr Workshops und Projektwochen angeboten werden, in denen Lehrer Werte vermitteln können.

Den Staat nicht aus der Pflicht lassen aber selbst aktiv werden

Gleichzeitig sind Lehrer und das System Schule überfordert und brauchen Hilfe. Von staatlicher Seite wird dieser Handlungsbedarf nicht erfüllt. Gleichzeitig scheint eine Erneuerung von innen heraus der vielleicht wirkungsvollste Ansatz zu sein. Was natürlich nicht heißt, den Staat aus der Pflicht zu lassen, also für entsprechende Rahmenbedingungen und mehr Lehrer zu sorgen, die Lehrer Aus- und Weiterbildung den geänderten Anforderungen anzupassen, Schulen mit dem erforderlichen Equipment auszustatten und die Schulgebäude, wo erforderlich, zu sanieren und baulich in Schuss zu halten.

Damit Schulen sich von innen heraus verändern, braucht es das Engagement von Lehrkräften und Eltern genauso, wie zivilgesellschaftliche Akteure, die dabei von außen unterstützen. Dass eine Systemveränderung durch einen Change an der Schule möglich ist – ohne das deutsche Schulsystem insgesamt zu ändern –, zeigen einzelne Schulen, die es geschafft haben. Zum Beispiel die Evangelische Schule Berlin Zentrum von Margret Rasfeld und auch viele andere dafür ausgezeichnete Schulen. Allerdings braucht dies Enabler für diesen Prozess. Oft sind dies Ausnahmepersönlichkeiten an Schulen (Schulleiter oder Lehrkräfte) oder auch Impulsgeber von außen. Nicht selten kommt beides zusammen.

Mehr zu der Frage  was die Schulbildung in Deutschland aktuell kennzeichnet, und  wie eine zukunftsfähige Schulbildung aussehen sollte und was dafür geschehen müsste, findest du in unserem E-Book.

Zum Weiterlesen kannst du dir hier den vollständigen Beitrag als E-Book runterladen.

Der Beitrag ist die Vorabveröffentlichung eines Expertenbeitrags von Bernd Gebert, Gründer von Das macht Schule, zu dem Buch „Digitalpakt und was nun? Bildung für die Zukunft“. Das Buch setzt sich mit der Frage auseinander wie zukunftsorientierte Bildung gestaltet sein sollte und stellt Expertenmeinungen und Lösungen aus der Praxis vor. Darin geht es um die Fragen, was die Schulbildung in Deutschland aktuell kennzeichnet, wie eine zukunftsfähige Schulbildung in Deutschland aussehen sollte und was dafür geschehen müsste.

Das Buch wird demnächst bei Springer Gabler erscheinen, Herausgeber sind die Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinschaftlich mit der Initiative GetYourWings.

Bernd Gebert

Bernd Gebert

Gründer Das macht Schule

Social Entrepreneur und Ashoka Fellow. Seine Mission: Eigeninitiative, Verantwortung und Gemeinsinn mit Praxisprojekten an Schulen fördern.

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