Mutgeschichte: Glücklich gegen den Strom

In Deutschland sei der Lehrerberuf im internationalen Vergleich finanziell attraktiv, aber intellektuell zu unattraktiv, sagt Andreas Schleicher, Chefkoordinator der Pisa-Studien. Das sei so, weil das Prinzip gelte: „Mach deine Klassentür zu und zieh den Lehrplan nach Vorschrift durch.“ Viele Lehrkräfte seien zu fixiert auf Vorgaben. Seine Empfehlung: „Jeder Lehrer sollte selbst so viel wie möglich darüber nachdenken, was der richtige Unterricht ist, um die Kinder auf die Welt von morgen vorzubereiten.“

Schleicher fordert mehr Teamarbeit. „Schluss mit dem Einzelkämpfertum.“ Vielmehr sollten Lehrkräfte gemeinsam den Unterricht vorbereiten und Unterrichtskonzepte austauschen. Andere Länder seien da viel weiter – bis hin zum regelmäßigen gegenseitigen Unterrichtsbesuch. In Ministerien werde bisher zu wenig über solche Fragen nachgedacht, sagte Schleicher. Die Zahl der Unterrichtsstunden des einzelnen Lehrers sollte verringert werden, damit es mehr Raum gebe, auch anderes als ganz normalen Unterricht zu machen. Aber: Dies entlaste Lehrer nicht davon, sich auch selbst gemeinsam mit Kollegen für Reformen einzusetzen. Wie, und warum einer, der anfängt, den Unterschied machen kann, darum geht’s in dieser Mutgeschichte.

"Das Kollegium ist zum Club der Einzelkämpfer verkommen."

Agathe, Lehrerin

Agathe ist schon lange Lehrerin an einem Gymnasium. So lange, dass Sie eigentlich schon auf dem Endspurt Richtung Pensionierung ist. Mit jedem Jahr ist der Job als Lehrerin etwas beschwerlicher geworden, die Schüler forscher, die Eltern fordernder, das Kollegium zum Club der Einzelkämpfer verkommen.

So kam Agathe ins Coaching. Ihr Ziel war, die letzten drei Jahre zur Pensionierung noch gesund zu überstehen ohne zusammen zu brechen, wie so mancher Kollege.

Ja, damals… die Schüler waren besser erzogen, die Eltern hatten noch Respekt vor den Lehrern, die Kollegen hatten noch hin und wieder Zeit für Austausch oder gar einen Plausch.

Was war passiert?

Unmerklich hatte sich die Welt in kleinen Schritten verändert, fast so, wie man Kinder nicht wachsen sieht, wenn man sie jeden Tag um sich hat. Unmerklich war damit auch die zwischenmenschliche Temperatur in der Schule gesunken. Und je kälter es an dieser Schule zwischen den Menschen wurde, desto mehr wurde darüber geklagt.

Agathe machte dieser ständige Schwarzseherblick der Kollegen sehr zu schaffen, täglich musste sie sich mehr aufraffen, den Tag zu überstehen.

„Was habt Ihr davon, wenn Ihr wehklagt?“ fragte ich Agathe. „Was ist Euer Nutzen?“ Agathe dachte lange nach. „So kommen wir miteinander ins Gespräch. Das sind die wenigen Sätze, die wir miteinander reden. Fast, als ob das gemeinsame Schimpfen und die Schwarzseherei unsere restliche Netzwärme erhält.“

"Dafür bin ich nicht angetreten."

Agathe, Lehrerin

Ich sah Agathe lange an, sah, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. „Dafür bin ich nicht angetreten.“ sagte sie. „Ich möchte Kinder und Jugendliche sich entfalten sehen, sie begleiten, ihr Mentor sein, für sie da sein.“ „Was hindert Dich daran?“ fragte ich Agathe. „Wenn ich nichts zu meckern habe, dann gehöre ich nicht dazu.“ hörte ich Agathe leise sagen. „Wenn ich gut gelaunt bin oder schöne Geschichten zu erzählen habe, werde ich ganz komisch angeschaut.“

Der Mut zum Optimismus ist die Grundlage des Erfolgs

Dann fiel ihr Blick auf einen Spruch, der in meinem Büro an der Wand hängt: „Der Mut zum Optimismus ist die Grundlage des Erfolgs.“ Sie sah mich fragend an. Ich antwortete „So lange wir mit dem Strom schwimmen, brauchen wir nahezu keine Kraft, denn der Strom trägt uns mit sich. Wenn eh’ schon wenig Kraft da ist, ist das eine sehr effiziente Art, weiter funktionieren zu können.“ Agathes Augen wurden immer größer, während sie zuhörte. „Es gehört Mut dazu, gegen den Strom zu schwimmen. Mut, sich anders zu verhalten als andere anderen. Und Mut, die Blicke der Stromfische auszuhalten. Doch so lange Du im Strom schwimmst, schwimmst Du den Weg der anderen und nicht Deinen eigenen.“

Da fingen Agathes Augen an zu glänzen. „Ja, mein eigener Weg. Ich hatte ein klares Bild, warum ich Lehrerin werden wollte. Das hatte ich ganz aus den Augen verloren über all dem Klagen.“

Den Rest des Coachings nutzte Agathe, um dieses Bild von sich als gute Lehrerin wieder herzuholen und sich in allen Farben und Facetten auszumalen.

Mittlerweile ist Agathe pensioniert und in einem Projekt engagiert, das Lehramtsstudierende schon während ihres Studiums auf ihrem Weg zur Lehrerpersönlichkeit begleitet. Wir ziehen den Hut und sagen: Danke, Agathe!

Hier ein paar Schlüssel-Fragen

 

  • Was hat dich LehrerIn werden lassen?
  • Was liebst Du an deinem Beruf?
  • Wie sieht dein Bild in der besten Lehrer-Version deiner Selbst aus?
  • Was ist dein Anliegen für die Kinder und Jugendlichen, wozu Du LehrerIn geworden bist?

Mach dir vielleicht heute Abend einen schönen Kakao und sorge dafür, mal ein Stünchen ungestört darüber nachdenken zu können. Wir wünschen dir Mut zum Optimismus und dass du beginnst deinen Traum zu leben – egal, wie die Bedingungen sind.

Wir danken der gemeinnützigen Coaching Initiative für diese wahre Mutgeschichte.

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