Note 5 für Bildungspolitik in Sachsen-Anhalt

Wenn die Bildungspolitiker für ihre praktische Umsetzung von uns Schulnoten bekämen, dann lauteten diese „mangelhaft“. In der Theorie heißt es Chancengerechtigkeit habe Priorität und Investitionen in Bildung seien nötig – vor allem für Schulen in sozial benachteiligter Lage. In der Praxis  werden gerade in diesen Regionen Stellen von Schulsozialarbeitern gestrichen, weitere 400 Stellen stehen auf der Kippe und damit die so wichtige Betreuung tausender SchülerInnen. Ein Beispiel aus Sachsen-Anhalt, das Bundesland in dem 24% der Kinder armutsgefärdet sind und das die höchste Schulabbrecher-Quote Deutschlands aufweist. Ein politisches Armutszeugnis finden wir.

„Neue gesellschaftliche Herausforderungen, wie der Fachkräftebedarf, die Abwanderung aus strukturschwachen und ländlichen Regionen und die Integration von Neuzugewanderten verdeutlichen, dass Bildung der zentrale Schlüssel zur Standortsicherung ist und an den Bedarfen der Bürgerinnen und Bürger ausgerichtet werden muss.“ schreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Weiter heißt es im Magazin ihrer Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement:

„Auch die Politik hat mit immer wieder neuen Förderprogrammen dazu beigetragen, dass unzählige Ideen, Impulse und Anregungen zur Bewältigung praktischer Bildungsprobleme entstehen konnten. Mit dem Ende eines Förderprogramms versiegte zumeist jedoch der Zugriff auf die entwickelten Ergebnisse."

Prof. em. Dr. Dieter Euler, Universität St. Gallen und Prof. Dr. Peter F. E. Sloane, Universität Paderborn

Kluge Worte – folgen diesen auch Taten?

Dies scheint mindestens in einem Bundesland nicht der Fall zu sein.

In Sachsen-Anhalt laufen zum Sommer die Stellenförderungen der SozialpädagogInnen in den Grundschulen, nächstes Jahr auch in den weiterführenden Schulen aus. Die ersten Kündigungen wurden bereits ausgesprochen. Neben 8 weiteren auch die von einem unserer engagiertesten Schulkontakten, dem Schulsozialarbeiter (SSA) Herrn Christian Grabow. Mit dem Wegfall der 9 SSA-Stellen, die bislang über das Bildungs- und Teilhabepaket finanziert wurden, fällt auch die Betreuung für insgesamt mehr als ca. 1500 Schülerinnen und Schülern im ländlichen Raum ersatzlos weg. Rund weitere 400 SSA-Stellen in Sachsen-Anhalt, bislang finanziert über den Europäischen Sozialfonds, stehen noch auf der Kippe – und damit auch die Betreuung tausender weiterer Kinder.

Gerade in Sachsen-Anhalt, das Bundesland mit der höchsten Schulabbrecher-Quote, also Schülern und Schülerinnnen, die nicht einmal einen Hauptschulabschluss haben, fehlt damit die wichtige und umfangreiche

  • hilft Schulabbrüche zu verhindern
  • reduziert Gewalt und Mobbing
  • stärkt die Beziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften
  • gewinnt vielfältige Kooperationspartnerinnen und -partner
  • verbessert das Schulklima und das Schulimage
  • fördert die Schulentwicklung
  • unterstützt beim Aufbau einer wertschätzenden Team-, Feedback- und Fehlerkultur
  • ermöglicht die Öffnung von Schulen in den Sozialraum
  • unterstützt Schulen dabei, ihren Schutzauftrag adäquat und sensibel wahrzunehmen

Der Anteil der gescheiterten SchülerInnen kletterte lt. dem 2018 erschienenden Bildungsberichts auf dort 11,4 %, das ist jeder 9. Abgänger (Bundesweit sind es mit mehr als 49.000 Schulabgängen fast 6 %).

 

Bei einem „Bildungsgipfel“ vor zehn Jahren hatten sich der Bund und die Länder vorgenommen, sie auf maximal vier Prozent zu drücken. In Sachsen-Anhalt rückt dieses Ziel in weite Ferne.

„Seit Jahren ist fast ein Viertel der Menschen in Sachsen-Anhalt von Armut bedroht. Eine Veränderung ist nicht in Sicht. […] Wirklich skandalös ist aber der hohe Anteil von Kindern an der Gruppe Armutsgefährdeter. In Sachsen-Anhalt betrifft das 24 Prozent der Kinder, besonders viele aus Familien mit Alleinerziehenden. Für die Kinder hat das dramatische Folgen. […] Betroffene haben schlechtere Bildungs- und Teilhabechancen. Beispielhaft zu nennen ist der hohe Anteil von Jugendlichen aus sozial gefährdeten Familien an geringeren Bildungsgraden oder Schulabbruch."

Gabriele Girke, Ex-Geschäftsführerin des Paritätischen in Sachsen-Anhalt
Schulabgänge ohne Hauptschulabschluss von allgemeinbildenden Schulen 2016

Von 2004 Jugendlichen in Sachsen-Anhalt ohne Hauptschulabschluss haben 536 (26,7 %) das Abschlusszeugnis der Schule für Lernbehinderte erhalten, 330 (16,5 %) den Bildungsgang für Geistigbehinderte beendet und 1 138 (56,8 %) verließen die Schule gänzlich ohne jeglichen Abschluss (Abgangszeugnis).

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek: „Auch der siebte Bildungsbericht zeigt wieder, dass immer mehr Menschen nach guter Bildung streben. Die soziale Herkunft hat jedoch nach wie vor einen zu starken Einfluss auf den Bildungserfolg. Unser zentrales bildungspolitisches Ziel ist und bleibt mehr Chancengerechtigkeit.“

„Dabei zeigt sich gerade vor Ort, dass man die Schulen mit diesen Problemen nicht allein lassen darf. Notwendig sind sozialräumliche Ansätze, insbesondere für Schulen in schwierigen Milieus.“ heißt es u.a. auch in der Bertelmann-Studie ‚Jugendliche ohne Hauptschulabschluss‘.

 

Entscheidend neben der Schulpolitik und der wirtschaftlich-sozialen Struktur vor Ort sei der politische Wille, sagte auch Neher. 

„Ein Miteinander von Politik, Schule, Jugendamt, Arbeitsamt, Wohlfahrtspflege und Wirtschaft kann dazu führen, dass mehr Jugendliche einen Abschluss schaffen.“

Peter Neher, Caritas-Präsident

Schulsozialarbeit, frühe Förderung und Beratung, Berufsorientierung und Elternarbeit könnten „entscheidend dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche ihren Hauptschulabschluss schaffen“.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sagte, eine qualifizierte Förderung sei nur mit genug Lehrpersonal möglich. „Alles, was früher neben dem Unterricht angeboten wurde, fällt mittlerweile weg“, kritisierte GEW-Landeschefin Eva Gerth.

 

Der Sprecher der Autorengruppe des Bildungsberichts 2018, der Berliner Bildungsforscher Kai Maaz, sprach sich für einen weiteren Ausbau und Umbau des deutschen Bildungssystems aus. Die Wissenschaftler fordern insbesondere Investitionen: Zentral ist aus ihrer Sicht dabei die Personalausstattung. „Ein, wenn nicht der zentrale Faktor für ein leistungsfähiges Bildungssystem ist eine ausreichende Anzahl an Fachkräften, die die hohen Ansprüche und Erwartungen erfüllen können“, heißt es in dem Bericht.

Für sozial benachteiligte Regionen in Deutschland herrscht momentan ein Teufelskreis

Bildung bringt das gesamte Leben lang Erträge, sowohl im individuellen Bereich, durch höhere Gehälter aber auch durch mehr Gesundheit, politisches und gesellschaftliches Engagement und Lebenszufriedenheit. Aber auch auf gesellschaftlicher Ebene sind Investitionen in Bildung ertragreich. Höhe Bildungsabschlüsse könnten zu höheren staatlichen Einnahmen führen und höheres gesellschaftliches Engagement könnte den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft stärken.

 

Im Bericht selbst heißt es: „Die empirischen Befunde deuten auf einen positiven Zusammenhang zwischen Bildung und Erwerbstätigkeit, Bildung und Erwerbsvolumen und einen negativen Zusammenhang zwischen Bildung und Arbeitslosigkeit hin“.

„Bildung befähigt zur Entfaltung der Persönlichkeit eines Menschen. Sie steigert die Chancen auf berufliche und gesellschaftliche Teilhabe und ein höheres Einkommen, wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus, hebt das politische Engagement und führt zu einer höheren Lebenszufriedenheit – so die Ergebnisse des Bildungsberichtes. Das zeigt: Investitionen in Bildung sind gut angelegtes Geld und lohnen sich – für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft.“

Anja Karliczek, Bundesbildungsministerin und Helmut Holter, Präsident der Kultusministerkonferenz

Die Autoren des Berichts unterstreichen, das bildungspolitische Ziel der Chancengleichheit stelle nach wie vor eine der wichtigsten und schwierigsten Herausforderungen dar. Die ausreichende Versorgung in ländlichen sowie eher strukturschwachen Regionen werde zukünftig noch mehr in den Vordergrund rücken.

Praktische Umsetzung der Politik

Momentan gelingt es der Hälfte der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss den Schulabschluss zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen, z.B. im Übergangssystem. Das ist ein Erfolg und diese Maßnahmen sind sinnvoll und notwendig. Eine dauerhafte Lösung kann das aber nicht sein: Die in der Schule erfahrene Demotivation und Frustration von Jugendlichen gilt es zu vermeiden – ebenso wie den unnötigen Verlust an wertvoller Lebenszeit. Darüber hinaus sind mit diesen Nachqualifizierungsmaßnahmen zusätzliche Bildungsausgaben für die Gesellschaft verbunden – eine grobe Schätzung dieser zusätzlichen Ausgaben ergibt nach Klaus Klemm (deutscher Erziehungswissenschaftler und emeritierter Professor für Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen) eine Summe von 204 Millionen Euro pro Altersjahrgang. Dieses Geld sollte für präventive Maßnahmen eingesetzt werden, um die betroffenen Jugendlichen frühzeitig individuell zu fördern.

Das Bildungsministerium setzt beim Kampf gegen Schul-Misserfolg in Sachsen-Anhalt seit Jahren vor allem auf zwei Instrumente: den Einsatz von Schulsozialarbeitern und das Angebot „Produktives Lernen“.

 

Bei diesem lernen gefährdete Schüler an zwei von fünf Schultagen in einem Betrieb. Durch Einblicke in die Berufspraxis und die Aussicht auf einen Ausbildungsplatz soll ihre Motivation steigen.

 

Der zweite Baustein, der Einsatz von derzeit rund 400 Schulsozialarbeitern, ist noch bis 2020 finanziert. „Wir hoffen auf eine Verlängerung durch die EU“, heißt es aus dem Bildungsministerium. Die Sozialarbeiter sollen Ursachen für Schulabbruch aus dem Weg räumen. Dazu zählen etwa Mobbing, Probleme in der Familie, Über- oder Unterforderung im Unterricht.

Christian Grabow ist einer von ihnen. Aus unserer Sicht und Erfahrung einer der engagiertesten, die wir kennen. Seine Stelle (neben 8 weiteren) wurde allerdings schon gestrichen.  Weil das Geld fehlt. Weil die Förderung weg fällt.

 

Es bleibt bei uns ein Kopfschütteln.

P.S.:

Um theoretisches Wissen in der Praxis anwenden zu können, hilft Erfahrungslernen in Praxisprojekten. Hätten die Politiker damals mehr Praxisprojekte an der Schule gehabt – wer weiß, vielleicht hätten Sie dann ihre Theorie in der Praxis besser angewandt. 😉

Den seit 2006 alle zwei Jahre erscheinenden Bildungsbericht hat eine unabhängige Wissenschaftlergruppe unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erarbeitet. Beteiligt sind das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen (SOFI) sowie das Statistische Bundesamt (Destatis) und die Statistischen Ämter der Länder (StLÄ). Die besondere Bedeutung des indikatorengestützten Bildungsberichts liegt darin, die verschiedenen Bildungsbereiche in ihrem Zusammenhang darzustellen und übergreifende Herausforderungen im deutschen Bildungssystem sichtbar zu machen.

Der Bericht „Bildung in Deutschland 2018“ wurde von der Kultusministerkonferenz (KMK) und dem Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) am 22.06.2018 in Berlin vorgestellt. Der nunmehr siebte Bildungsbericht beschreibt die Gesamtentwicklung des deutschen Bildungswesens und widmet sich in seinem Schwerpunkt den Wirkungen und Erträgen von Bildung.

Praxisprojekte von
Christian Grabow

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